Zygmunt Gnatowski als Erbauer des Koliba-Hauses

von "Die Gnatowskis. Die Geschichte einer masowischen Familie" auf Alfred von der Lehr
ISBN-Nr: 3-00-005311-5

Wie schon bemerkt, wissen wir über den Lebenslauf von Zygmunt Gnatowski wenig. Er ist vor allem als Erbauer des Koliba-Hauses bekannt geworden. Es ist, als ob er erst mit diesem Haus in die Geschichte eingetreten ist. Selbst sein Geburtsjahr 1854 ist ungewiß, denn in den Unterlagen wird es immer mit einem Fragezeichen versehen. Er war jedoch Besitzer des Gutes von Jakimowka, bevor es sein Bruder Pawel wurde.

Während Pawel jedoch in der Ukraine geblieben ist und nach Zygmunts Tod seine Energie in die Entwicklung des Familiengutes Jakimowka steckte - vielleicht auch schon vor Zygmunts Tod dessen Verwalter war -, hing Zygmunts Herz zunehmend an seinem "Sommersitz" in der Tatra.

Schließlich wurde aus der ursprünglich geplanten einfachen Sommerhütte ein regelrechtes Sommergut. Ja, Zygmunt entwickelte sich geradezu zum Patron der gesamten Gegend: er investierte nicht nur in sein Eigentum, sondern schickte die Bauernsöhne auf Schulen, damit sie verschiedene Handwerke erlernten und so zur Entwicklung der Gemeinde beitragen konnten.

Über diese verschiedenen Aspekte des Lebenslaufs von Zygmunt Gnatowski finden sich noch Unterlagen im Archiv von Zakopane, die wir hier mit freundlicher Genehmigung der dortigen Institutsverwaltung wiedergeben.1)

In den Unterlagen heißt es zunächst lapidar: "Über die Kindheit, die Jugendjahre und die Ausbildung von Gnatowski fehlen uns Informationen. Die älteste zugängliche Informationsquelle über ihn sind die eigenhändig von Walery Eliasz gemachten Notizen am Rand des "Neuen illustrierten Führers für Tatra- und Pieninygebirge", die wahrscheinlich während der Ausflüge in die Tatra entstanden. Anhand dieser Notizen wird vermutet, daß Gnatowski im Jahr 1883 zum ersten Mal Zakopane besucht hat und an einem sechstägigen, von Tytus Chalubinski organisierten Ausflug in die Tatra teilgenommen hat. An dem Ausflug hat auch der legendäre Sabala teilgenommen."

Demnach ist Zygmunt Gnatowski eher zufällig auf Zakopane gestoßen, als er an einer Art Studienreise teilnahm. Weiter heißt es: "Die weiteren Aufenthalte folgten in den Jahren 1885, 1886, 1887. Bekannt ist auch, daß er in den Neunzigern schon alljährlich in Zakopane gastierte, überwiegend aus gesundheitlichen Gründen, hinzu kam mit der Zeit die Faszination für das Tatragebirge, die Goralen und ihre Kultur - eine Quelle der Sammlerleidenschaft und des immer stärker werdenden Engagements Gnatowskis für die örtlichen Angelegenheiten."

Schon bald hat also der ukrainische Gutsbesitzer die gesundheitliche Kraft gespürt, die vom Gebirge, seinem Klima und nicht zuletzt den Menschen ausging. Immer mehr scheint er sich dann bei Land und Leuten heimisch gefühlt zu haben. Dennoch war Zakopane zunächst nur der Ort der "Sommerfrische", den er nur zeitweise besuchte.

"Im Juni 1889 wurde er ein ordentliches Mitglied des Tatra-Museum-Vereines und vermutlich fing er damals an, seine Sammlung zusammenzutragen und den Bau eines Ferienhauses zu planen. Das Schicksal hat es entschieden, daß sich im Juni 1890 Stanislaw Witkiewicz mit seiner Familie für immer in Zakopane niedergelassen hat.

Ein Jahr später begann sein Einsatz zur Erhaltung des Zakopane-Stils. Die näheren Umstände, die dazu führten, daß Gnatowski auf den Bau seiner Bauernhütte zugunsten des Hauses im Zakopane-Stil verzichtete, sind uns leider nicht bekannt. Er wurde dadurch zum ersten Mäzen der Idee von Witkiewicz und bis zum Ende seiner Tage ihr großer Anhänger."

Zufällig haben sich zwei verwandte Geister getroffen und Witkiewicz ist es offenbar leicht gefallen, Zygmunt Gnatowski für seine Ideen zu begeistern: ""Koliba" - das erste Haus im "Zakopane-Stil" - wurde in den Jahren 1892 - 94 erbaut und eingerichtet."

Siehe Koliba Haus Fotos - Zuerst und zweitens bauend Phase

Das Haus war anscheinend sofort ein Erfolg: "Zu Gnatowskis Lebzeiten besuchten jenes Haus berühmte Persönlichkeiten, u.a. Henryk Rodakowski, Henryk Sienkiewicz, Tadeusz Strzjenski, Jozef Chelmonski, Helena Modrzejewska, Adam Chmielowski und Jan Kasprowicz." Neben dem Literatur-Nobelpreisträger Henryk Sienkiewicz (u.a. Quo Vadis) handelt es sich um bekannte polnische Künstler: Henryk Rodakowski war Kunstmaler und einer der bekanntesten polnischen Porträtisten, Tadeusz Strzjenski war Architekt, u.a. von 1874-1877 Staatsarchitekt in Lima. Er verwendete als einer der ersten Stahlbeton. Jozef Chelmonski war ebenfalls Kunstmaler und als solcher Vertreter des Realismus. Helena Modryejewska war Schauspielerin und galt ihrerzeit als die beste polnische Tragödin und genoß Weltruf. Adam Chmielowski war Kunstmaler, Mönch und Teilnehmer der Januaraufstandsbewegung. Jan Kasprowicz schließlich war Dichter.

Zygmunt hatte Feuer gefangen: "Gnatowski ist als Stifter einer weiteren bedeutsamen Verwirklichung des Zakopane-Stils bekannt, und zwar der nach Witkiewiczs Entwürfen eingerichteten Kapelle des Johannes des Täufers in der neuerbauten Pfarrkirche in Zakopane. Außerdem entwarf er selbst Möbel dieses Stils und eine Reihe von kleinen Gegenständen für das "Koliba"-Haus, sogar einen, leider nicht mehr existierenden, Schuppen mit Stube neben dem "Koliba"-Haus."

Zygmunt Gnatowski muß hier größere Summen investiert haben, denn er entwickelte sich nicht nur zum Mäzen in architektonischer Hinsicht, sondern auch zum Wohltäter der Gemeinde und deren wirtschaftlicher und sozialer Entwicklung: "Den Aktivitäten Gnatowskis lagen immer soziale Überlegungen zu Grunde" fährt der Bericht fort. "Als Initiator vieler Aktionen in Zakopane, schickte er z.B. um 1900 Stanislaw Batka und Stanislaw Roj auf eigene Kosten in die Kürschnereilehre, was eine Verbreitung dieses Industriezweiges in Zakopane zum Ziel hatte. Im Juli 1900 wurde er zum Vorsitzenden des Komitees für den Bau des Dr. Tytus Chalubinski-Denkmals gewählt und so fand u.a. dank seiner Bemühungen die Denkmalsenthüllung am 15. August 1901 statt. Gnatowski war auch Vorstandsmitglied des Vereins zur Verschönerung von Zakopane, sowie Mitarbeiter des Vereins der Zakopane-Freunde, der seine Treffen u.a. im "Koliba"-Haus abhielt. "Zakopane muß sich in dieser Zeit, dank der unermüdlichen Entwicklungsarbeit Zygmunt Gnatowskis, zu dem entwickelt haben, was wir heute in Anlehnung an amerikanische alpine Ferienorte einen "Resort" nennen. Eine zumeist gutbetuchte Oberschicht schuf sich einen Erholungsort mit speziellem alpenländischem Charme und Komfort.

Feine Handwerksarbeiten im lokalen Stil entsprachen dem Geschmack dieser Klientel und boten zugleich die Möglichkeit, sein Vermögen dezent zur Schau zu stellen. Da diese Art der "Entwicklung" immer noch himmelweit entfernt war von der heutigen Art des Massentourismus, behielten auch die "Goralen", also die einheimische Bevölkerung, ihre Identität und Würde.

Zygmunt Gnatowski hat jedenfalls immer mehr Gefallen an diesem Ort, den Menschen und seinem Leben in dieser heilen Bergwelt gefunden. Dies mag an der Umgebung, dem Klima oder auch an der Aufgabe, die er hier übernommen hatte, gelegen haben. Jedenfalls trug sich Zygmunt mit der Absicht, sich ganz in seiner Wahlheimat niederzulassen: "Gnatowski, noch russischer Untertan, traf 1901 Vorkehrungen zur Erlangung der österreichischen Staatsbürgerschaft. Höchstwahrscheinlich wegen seines sich verschlechternden Gesundheitszustandes beabsichtigte er, sich für immer in Zakopane niederzulassen, wozu er auch die Erlaubnis des Gemeinderates erhielt.

Die "Zakopane - Schau" vom 7. März 1901 berichtete: "Besondere Aufmerksamkeit verdient der Antrag von Herrn Zygmunt Gnatowski, der zur Erlangung der österreichischen Staatsbürgerschaft den Gemeinderat um die Aufnahme in die Gemeinde Zakopane bittet. Der Gemeinderat Kulig spricht unter Berücksichtigung der Verdienste Gnatowskis inständig für die Aufnahme "mit offenen Armen". Er schlägt auch vor, in einer Antwort auf den Antrag die festgesetzte Gebühr nicht zu erwähnen (laut Gestz ist der Gemeinderat berechtigt, eine Gebühr in Höhe von 1000 Kronen für die Aufnahme in die Gemeinde zu fordern), und daß die Antwort - von einer aus sechs Gemeinderäten bestehenden Delegation - Herrn Gnatowski mitgeteilt werden soll. P. Pawlica bringt vor, diesen Beschluß ohne Diskussion zu fassen, was auch der Gemeinderat Dir. Walczak und der Pfarrer genehmigt und auf Antrag des Pfarrers sollen der Delegation nur Gorale angehören: Jacina, Maciej Gasiennica, W. Roj, Slimak, Sobczak und Jan Krzeptowski.2)" "Ein wenig erinnert dieses Verfahren an die Übersiedlung prominenter und wohlhabender Ausländer in Schweizer Kantone.

Zygmunt hat jedenfalls auch weiterhin seine ganze Kraft in diesen Ort investiert: "In den Jahren 1904 - 1906 bekleidete Gnatowski das Amt des Vorsitzenden des Tatra-Museum-Vereins und leitele die Renovierungsarbeiten im Museumsgebäube: "... Obwohl krank und ohne nötige Kraft für diese Anstrengungen, kam er mit den Arbeitern zurecht, beaufsichtigte ihre Arbeiten und ordnete zum Schluß eigenhändig die ethnographische Sammlung. Außerdem warb er leidenschaftlich in dieser Angelegenheit und gewann während eines Aufenthaltes in seiner Heimat eine beträchtliche Schar ordentlicher Mitglieder, wodurch die bescheidene Vereinskasse gestärkt wurde. ..."."

Immer mehr verschlechterte sich jedoch Zygmunts Befinden: "Gnatowskis Gesundheitszustand verschlechterte sich 1905 deutlich. Er reiste in seine Heimat, nach Jakimowka. Im Mai 1906 erreichte folgender Brief das Museum:

"Lieber und werter Herr!

Da ich nicht selbst schreibe, sondern die paar Worte diktiere, werden Sie mühelos erraten, daß mein Gesundheitszustand nicht sonderlich gut ist.

Nach halbjähriger Bettlägrigkeit in Kijow (Kiew) - Die Ärzte planten mich im Frühling nach Montreux in die Schweiz zu schicken, aber nach einer Besprechung mit Doktor Kruszynski, der mich in Kijow besucht hat, war man sich einig, daß mein gegenwärtiger Zustand eine solch lange Reise nicht zuläßt. - hat sich für Slawutz entschieden, wo ich mich jetzt auch befinde - bei der Gelegenheit lege ich 64 Rubel bei, die ich selbst gesammelt habe, als Beiträge für das Museum von nachstehend genannten Personen."

Und weiter ein Vermerk:

"Diesen Brief hat mein Bruder während meiner Abwesenheit diktiert, aber unterschreiben konnte er ihn nicht mehr, da er so schwer erkrankte, daß kaum noch Hoffnung besteht und ich weiß nicht, ob er den morgigen Tag erlebt.

Dieses wollte ich Ihnen mitteilen.

Ich empfehle mich Ihres gnädigen Wohlwollens,

Pawel Gnatowski."

Zygmunt Gnatowski starb am 6. Juni 1906 in Jakimowka. Sein Testament enthielt eine großzügige Eintragung zugunsten des Tatra-Museum-Vereins, die eine unschätzbare ethnographische Sammlung, eine Bibliothek mit kostbaren Archivalien und eine Fotosammlung, sowie 10,000 Kronen als Fonds für den Bau eines gemauerten Museumsgebäudes umfaßte. 3)"

Soweit der Bericht, der sich in den Akten des Museums befindet. Pawel Gnatowski hat auch das Telegramm geschickt, das den Goralen den Tod ihres Gönners und Förderers mitteilte:

Telegram

"Zygmunt ist gestorben, Bestattung Jakimowka, Montag, bitte den Jarniczkiewicz, die Osiecimska und andere Wohlgesinnte benachrichtigen - Pawel Gnatowski"4)

Wie wir wissen, hat der Zakopane-Stil keine allgemeine Verbreitung in Polen gefunden und auch die Vorliebe für Zakopane selbst scheint allmählich geschwunden zu sein.

Für das Koliba-Haus und das Museum bedeutete Zygmunts Tod jedenfalls den Beginn eines langen Niedergangs, der erst in jüngster Vergangenheit gestoppt werden konnte. Heute ist das Haus restauriert und bietet einen guten Einblick in den Geschmack von Zygmunt Gnatowski und in die Vergangenheit von Zakopane.


Archivalien: Gnatowskis Notizen am Rand und auf der Rückseite der Zeichnungen im "Neuen illustrierten Führer für Tatra- und Pieninzgebirge" des Autors Walery Eliasz, aus dem Jahr 1881; Akten des Tatra-Museums aus den Jahren 1888 - 1912; Das Protokollbuch des Tatra-Museums.

Vgl. Auch: Jablonska, S. 76

Vgl. Jablonska, S. 81

Aus Slawuta an Kronhelm/Skoczyska, Telegramm (Nr. 223). Vgl. auch: Jablonska, page. 81.