MAI 1912 WIEŚ ILUSTROWANA 23
 
estate

JAKIMÓWKA

(Government Kiev, district Taraszczan)

lane

Lime tree boulevard in garden of Jakimówka, possession of the Gnatowski family (amateur photo, Wojnarowicz).

Falls dich, lieber Leser, das Schicksal, sei es aus Not oder Zufall, in die Gebiete der ehemaligen Braclawskie-Woiwodschaft verschlagen soll, in die Gegend des alten Sitzes der Fürstenfamilien Czerwetynski und Zbarski - nach Zywotow, so wirst du ein sanft gewelltes Land antreffen, das im deutlichen Gegensatz zur angrenzenden Humanszczyzna und ihrem typischen Steppencharakter steht.

Wie Oasen an einem heißen Sommertag locken den Reisenden die hier dicht verstreuten, wunderschönen, ukrainischen Siedlungen mit dem Grün ihrer Obstgärten und mit kristallklarem Wasser ihrer Flüsse, wie man sie meist in den stillen Schluchten antrifft.

Man kann sie noch häufig antreffen, auch wenn die neuen Bedingungen und die amerikanische Art der Wirtschaftsführung beginnen, besonders in der Nähe von Zuckerfabriken, einen neuen Menschentypus, meistens von nichtssagendem Charakter, hervorzubringen. Man kann hier jedoch auch noch solchen Gutshöfen begegnen, wo die Tradition der Schlichtheit verbunden mit einer Behaglichkeit des Lebens, manchmal auch mit Komfort, gepflegt wird, ohne den Anspruch zu erheben, als hochherrschaftliche Residenzen zu erscheinen.

Man spürt, daß hier Menschen lebten, die sich selbst nicht als zufällige Befolger des Wahlspruchs: "ibi patria - ubi bene" betrachteten, sondern aufrichtig ihr Heimatland liebten, in welchem sie auch ihre geistige Heimat sahen. Sie dachten dabei nicht nur an sich selbst, sondern auch an immer gern gesehene Gäste, wenn sie ihre geräumigen Gutshöfe bauten und das Prinzip: "dulce et utile" in ihr Leben übertrugen. Dabei wurde auch die Ästhetik beim Errichten der Landsitze trotz ihrer Zweckmäßigkeit nicht vernachlässigt.

Zu jenen typischen Landsitzen in der Ukraine gehört Jakimowka, gegenwärtig Eigentum von Pawel Gnatowski. Vormals war Jakimowka ein Vorort von Zywotow, von dem ihn heute nur das Flüßchen Roska trennt.

Der Landsitz steht als Bindeglied zwischen den alten und neuen Ansprüchen. Denn, auch wenn dem Fortschritt Genüge getan wurde, indem der gegenwärtige Besitzer die Brennerei umbaute, die Rektifikation beispielhaft einrichtete, Wassermühlen umbaute und eine Dachziegelfabrik, für sehr gefragte und robuste Dachziegel, einrichtete, so hat ihn das nicht daran gehindert, das Erbe der Tradition in seiner immer seltener gewordenen Eigenart, wie bereits erwähnt, mit Pietät zu bewahren.

24 WIEŚ ILUSTROWANA MAJ 1912
 
cattle
(Wojnarowicz).
water
(Wojnarowicz).

Gründer dieser Besitzungen war der allseits verehrte Henryk Gnatowski. Er setzte so viele schöpferische Ideen und so viel angeborenen guten Geschmack beim Bau des Stammitzes der Familie um, und verzierte den Gutshof so geschmackvoll, daß die dazugehörige Ortschaft zweifellos zu den schönsten dortzulande zählt.

Der allseits verehrte Henryk Gnatowski war also der erste Eigentümer von Jakimowka, sein Gestalter und gleichzeitig sein Gründer. Er war wahrhaftig eine patriarchalische Persönlichkeit, allgemein geschätzt und geachtet. Aus diesem Grund war es während mehrerer Generationen in der Familie, der näheren und entfernteren Verwandtschaft, sowie bei Bekannten üblich, die Hände des betagten, gastfreundlichen Gastgebers zu küssen, und das insbesondere anläßlich der Geburtstage.

Sie kamen alle zu diesem Ehrentag auf Jakimowka zusammen, manchmal von weit her, nicht nur von der berühmten Gastfreundlichkeit des Gastgebers angezogen, sondern auch weil er für sie der Inbegriff zahlreicher Bürger- und altpolnischen Tugenden war, die diese wunderbare Person auszeichneten.

Jetzt aber noch einige Worte zum Bild dieser Ortschaft, Besondere Aufmerksamkeit ist dem Weg zu schenken, der in natürlichen Windungen zwischen sorgfältig gepflegten Rosen und Hecken zum Herrenhaus führt.

Er endet vor einem großen Herrenhaus, mit seitlich angefügtem, mehrstöckigem Anbau. Dieses Gebäude zeichnet sich durch schlichte und ruhige architektonische Züge aus, und ist ganz in Grünanlagen eingebettet. Seine einzelnen Teile setzen sich so zu einem harmonischen Ensemble zusammen, das aussieht wie eine lustige Haushälterin, die sich besonders festlich geschmückt hat, um Gäste zu empfangen.

Dem Herrenhaus ist die ganze Umgebung angepaßt. Auf seiner Rückseite führt die alte Lindenallee stufenförmig hinunter zur Anlegestelle am See, der am Horizont die Form eines Kreuzes vermuten läßt, das auf im Hintergrund gruppierte italienische Pappeln hinstrebt. An diesem bezaubernden stillen Ort, kurz vor Sonnenuntergang finden wunderbare Konzerte der Wasservögel statt, die selbst anspruchsvollste Kenner verwöhnen können.

Mit seiner Inneneinrichtung entspricht das Haus der Bedeutung und dem Charme der Architektur seines Außenbildes. Unter den Erbstücken nimmt die bedeutende Sammlung der Ehrenauszeichnungen einen besonderen Platz ein: "Virtuti Militari", "Der Französischen Ehrenlegion", "Der Napoleonstern" und viele andere, die einst dem Großvater des heutigen Eigentümers, dem gleichnamigen, allseits verehrten Pawel Gnatowski, gehört haben.

Diese ehrenvollen Auszeichnungen bekam er bei der Belagerung von Saragossa, in den Schluchten von Samosierra und auf anderen Schlachtfeldern nach unzähligen Kämpfen. Durch seinen heldenhaften Tod bei Daszow hinterließ er den Nachkommen seines Geschlechtes einen ruhmvollen Namen.

Aus Platzmangel lasse ich viele interessante Einzelheiten fort, die sich auf den gesamten Gutshof dieses so bezaubernden Landsitzes beziehen und eine besonders eindrucksvolle Einheit bilden. Diesen kurzen Bericht widme ich den unvergeßlichen Erinnerungen an meinen dortigen Aufenthalt.

Z.R.