Herkunft und Familie von Zygmunt Gnatowski

von "Die Gnatowskis. Die Geschichte einer masowischen Familie" auf Alfred von der Lehr

ISBN-Nr: 3-00-005311-5

Frau Jablonska weist darauf hin, daß das Geburtsjahr und der Geburtsort von Zygmunt Gntaowski nicht bekannt ist. Vermutlich ist Zygmunt im Jahr 1854 geboren. Er besuchte in Dublanach die Landwirtschaftsschule und starb 1906 in Jakimowce 1).

Das Familiengut Jakimowce

 Modern Jakimowka m  Jakimowka m
 

Über das Gut Jakimowce ist ein Bericht aus "Wies Ilustrowana" erhalten, der einen guten Eindruck nicht nur von dem Besitz, sondern auch von der Familie Gnatowski gibt 2). Der Verfasser, von dem wir nur die Initialen Z.R. kennen, besuchte das Gut etwa um 1912, also nach dem Tod von Zygmunt Gnatowski. Von Zygmunt ging der Besitz auf Pawel über. Der Bericht lautet:

"JAKIMOWKA

(Gouvernement Kijow, Kreis Taraszczanski).

 

Falls dich, lieber Leser, das Schicksal, sei es aus Not oder Zufall, in die Gebiete der ehemaligen Braclawskie-Woiwodschaft verschlagen soll, in die Gegend des alten Sitzes der Fürstenfamilien Czerwetynski und Zbarski - nach Zywotow, so wirst du ein sanft gewelltes Land antreffen, das im deutlichen Gegensatz zur angrenzenden Humanszczyzna und ihrem typischen Steppencharakter steht.

Wie Oasen an einem heißen Sommertag locken den Reisenden die hier dicht verstreuten, wunderschönen, ukrainischen Siedlungen mit dem Grün ihrer Obstgärten und mit kristallklarem Wasser ihrer Flüsse, wie man sie meist in den stillen Schluchten antrifft.

One can see them very often, even though the new conditions and the American way of farming are bringing out, especially close to the sugar factories, a new kind of people, mostly of a non-descriptive character. But one can here also find such estates, where tradition and simplicity, combined with comfort of living and, sometimes amenities, are cherished, without claiming to be lordship residences.

Man kann sie noch häufig antreffen, auch wenn die neuen Bedingungen und die amerikanische Art der Wirtschaftsführung beginnen, besonders in der Nähe von Zuckerfabriken, einen neuen Menschentypus, meistens von nichtssagendem Charakter, hervorzubringen. Man kann hier jedoch auch noch solchen Gutshöfen begegnen, wo die Tradition der Schlichtheit verbunden mit einer Behaglichkeit des Lebens, manchmal auch mit Komfort, gepflegt wird, ohne den Anspruch zu erheben, als hochherrschaftliche Residenzen zu erscheinen.

Man spürt, daß hier Menschen lebten, die sich selbst nicht als zufällige Befolger des Wahlspruchs: "ibi patria - ubi bene" betrachteten, sondern aufrichtig ihr Heimatland liebten, in welchem sie auch ihre geistige Heimat sahen. Sie dachten dabei nicht nur an sich selbst, sondern auch an immer gern gesehene Gäste, wenn sie ihre geräumigen Gutshöfe bauten und das Prinzip: "dulce et utile" in ihr Leben übertrugen. Dabei wurde auch die Ästhetik beim Errichten der Landsitze trotz ihrer Zweckmäßigkeit nicht vernachlässigt.

Zu jenen typischen Landsitzen in der Ukraine gehört Jakimowka, gegenwärtig Eigentum von Pawel Gnatowski. Vormals war Jakimowka ein Vorort von Zywotow, von dem ihn heute nur das Flüßchen Roska trennt.

Der Landsitz steht als Bindeglied zwischen den alten und neuen Ansprüchen. Denn, auch wenn dem Fortschritt Genüge getan wurde, indem der gegenwärtige Besitzer die Brennerei umbaute, die Rektifikation beispielhaft einrichtete, Wassermühlen umbaute und eine Dachziegelfabrik, für sehr gefragte und robuste Dachziegel, einrichtete, so hat ihn das nicht daran gehindert, das Erbe der Tradition in seiner immer seltener gewordenen Eigenart, wie bereits erwähnt, mit Pietät zu bewahren.

The founder of this estate was the very much-liked Henryk Gnatowski. He has used so many creative ideas and his natural good taste by the construction of the family estate and has decorated the house in such an aesthetic way that the settlement belongs doubtlessly to the most beautiful in the whole area.

Gründer dieser Besitzungen war der allseits verehrte Henryk Gnatowski. Er setzte so viele schöpferische Ideen und so viel angeborenen guten Geschmack beim Bau des Stammitzes der Familie um, und verzierte den Gutshof so geschmackvoll, daß die dazugehörige Ortschaft zweifellos zu den schönsten dortzulande zählt.

Der allseits verehrte Henryk Gnatowski war also der erste Eigentümer von Jakimowka, sein Gestalter und gleichzeitig sein Gründer. Er war wahrhaftig eine patriarchalische Persönlichkeit, allgemein geschätzt und geachtet. Aus diesem Grund war es während mehrerer Generationen in der Familie, der näheren und entfernteren Verwandtschaft, sowie bei Bekannten üblich, die Hände des betagten, gastfreundlichen Gastgebers zu küssen, und das insbesondere anläßlich der Geburtstage 3).

Sie kamen alle zu diesem Ehrentag auf Jakimowka zusammen, manchmal von weit her, nicht nur von der berühmten Gastfreundlichkeit des Gastgebers angezogen, sondern auch weil er für sie der Inbegriff zahlreicher Bürger- und altpolnischen Tugenden war, die diese wunderbare Person auszeichneten.

Jetzt aber noch einige Worte zum Bild dieser Ortschaft, Besondere Aufmerksamkeit ist dem Weg zu schenken, der in natürlichen Windungen zwischen sorgfältig gepflegten Rosen und Hecken zum Herrenhaus führt.

Er endet vor einem großen Herrenhaus, mit seitlich angefügtem, mehrstöckigem Anbau. Dieses Gebäude zeichnet sich durch schlichte und ruhige architektonische Züge aus, und ist ganz in Grünanlagen eingebettet. Seine einzelnen Teile setzen sich so zu einem harmonischen Ensemble zusammen, das aussieht wie eine lustige Haushälterin, die sich besonders festlich geschmückt hat, um Gäste zu empfangen.

Dem Herrenhaus ist die ganze Umgebung angepaßt. Auf seiner Rückseite führt die alte Lindenallee stufenförmig hinunter zur Anlegestelle am See, der am Horizont die Form eines Kreuzes vermuten läßt, das auf im Hintergrund gruppierte italienische Pappeln hinstrebt. An diesem bezaubernden stillen Ort, kurz vor Sonnenuntergang finden wunderbare Konzerte der Wasservögel statt, die selbst anspruchsvollste Kenner verwöhnen können.

Mit seiner Inneneinrichtung entspricht das Haus der Bedeutung und dem Charme der Architektur seines Außenbildes. Unter den Erbstücken nimmt die bedeutende Sammlung der Ehrenauszeichnungen einen besonderen Platz ein: "Virtuti Militari", "Der Französischen Ehrenlegion", "Der Napoleonstern" und viele andere, die einst dem Großvater des heutigen Eigentümers, dem gleichnamigen, allseits verehrten Pawel Gnatowski, gehört haben.

Diese ehrenvollen Auszeichnungen bekam er bei der Belagerung von Saragossa, in den Schluchten von Samosierra und auf anderen Schlachtfeldern nach unzähligen Kämpfen. Durch seinen heldenhaften Tod bei Daszow hinterließ er den Nachkommen seines Geschlechtes einen ruhmvollen Namen.

Aus Platzmangel lasse ich viele interessante Einzelheiten fort, die sich auf den gesamten Gutshof dieses so bezaubernden Landsitzes beziehen und eine besonders eindrucksvolle Einheit bilden. Diesen kurzen Bericht widme ich den unvergeßlichen Erinnerungen an meinen dortigen Aufenthalt. 4)"

Aus diesem Bericht, der die landschaftlichen Schönheiten des Ortes besonders hervorhebt, geht nicht hervor, seit welchem Jahr das Gut im Besitz der Familie war. Der Text legt nahe zu glauben, daß Henryk Gnatowski das Gut gekauft oder verliehen bekommen hat. Immerhin hat aber Pawel, im Jahre 1912 Besitzer des Gutes, einiges für die "industrielle" Entwicklung des Familienbesitzes getan. Eine Abbildung des Gutes befindet sich unter den Farbreproduktionen.

Eine andere Quelle ist "Das Geographische Wörterbuch für das Königreich Polen und andere slawische Länder ". Der Artikel über Jakimowka ist dort nicht nur wesentlich kürzer, sondern auch weniger romantisch:

"Jakimowka, Vorort von Zywotow; der Fluß Rosia trennt die beiden Orte; Kreis Taraszczanski, vormals Kijowski (Kiew), so genannt, da die Ortschaft auf der Strecke zwischen Zywotow und Kijow (Kiew) liegt.

614 Einwohner des griechisch-orthodoxen Glaubensbekenntnisses. Orthodoxe Pfarrkirche, Brennerei. 1124 Dessjatinen5) fruchtbaren Bodens. Besitz der Familie Hnatowski. Gemeindeverwaltung in der Stadt Zywotow, Polizeiwache in der Stadt Tetyjow. 6)"

Das Gut gehörte also schon vor 1882 der Familie. Demnach hatte schon Henryk Gnatowski die Brennerei betrieben und möglicherweise auch Landwirtschaft. Äußerst bemerkenswert, weil besonders grob, der Schreibfehler des Familiennamens: aus Gnatowski wird in diesem Wörterbuch Hnatowski 7).


Jablonska, Einleitung, S. 7, Fußnote 1

"Wies Ilustrowana" (Das illustrierte Dorf), 3. Jahrgang: 1912, Nr. 5 (Mai), Warschau, S. 23f. Der Bericht enthält vier Fotos des Gutes und der Umgebung.

Anm. Der Übersetzerin: im Originaltext wird der Gastgeber mit "amfitrjon" bezeichnet. Dieser Ausdruck stammt aus dem Griechischen: Amphitryon - der mythologische König von Theben.

Die Übersetzung wurde von Frau Mazur, Nürnberg, besorgt.

Anm. der Übers.: Dessjatine - altrussisches Flächenmaß = 1,0925 ha.

Słownik Geograficznz Krolestwa Polskiego i innych krajów słowianskich (Das Geographische Wörterbuch für das Königreich Polen und andere slawische Länder), Warszawa 1882, S. 376

Der Schreibfehler wird verständlich, wenn man weiß, daß im Russischen der Buchstabe "G" durch ein "H" dargestellt wird. Da das Gut Jakimowka in der Ukraine lag, also im russischen Sprachraum, war die dort übliche Schreibweise des Namens Hnatowski. Dennoch hat der Verfasser des polnischen Textes es versäumt, die russische Schreibweise der polnischen Schreibweise anzupassen.