Zygmunt Gnatowski und das Koliba-Haus

von "Die Gnatowskis. Die Geschichte einer masowischen Familie" auf Alfred von der Lehr

ISBN-Nr: 3-00-005311-5

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Eine weitere bedeutende Persönlichkeit mit dem Namen Gnatowski ist Zygmunt Gnatowski gewesen. Er wurde im Zusammenhang mit dem Koliba-Haus berühmt, einer Sommervilla in Zakopane in der hohen Tatra, das von dem berühmten polnischen Maler und Schriftsteller Stanislaw Witkiewicz entworfen worden war und für eine ganze Reihe weiterer Häuser stilbildend wurde. Nach Witkiewicz Idee sollte das 1894 fertiggestellte Haus sogar zur Keimzelle eines polnischen Nationalstils werden. Zygmunt Gnatowski war Auftraggeber und erster Bewohner des Hauses.

Heute ist das Haus ein Museum und beherbergt neben Möbeln und anderen Einrichtungsgegenständen, die im Zakopane-Stil hergestellt wurden, auch die ethnographische Sammlung Zygmunt Gnatowskis. Aufgrund seiner Entstehungsgeschichte ist das Haus heute ein wichtiges polnisches Architektur- und Kunstdenkmal. Nach einer sehr wechselvillen Geschichte, in der das Haus mehrfach zweckentfremdet wurde, wurde es mehrere Jahre lang renoviert, die Einrichtung wurde rekonstruiert und seit 1993 ist das Haus wieder zugänglich.

Das Haus ist wissenschaftlich untersucht und beschrieben worden, unter anderem von Teresa Jablonska in ihrem Buch "'Koliba', Pierwszy Dom w Stylu Zakopianskim" 1). Frau Jablonska hat auch eine kurze Zusammenfassung der Geschichte des Koliba-Hauses geschrieben. Der Bedeutung dieses Hauses für die polnische Kunstgeschichte entsprechend, veröffentlichen wir hier eine deutsche Übersetzung: 2)

Das Museum des Zakopane-Stils im Koliba-Haus

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"Ende Juli 1894 fand die Einweihungszeremonie des Koliba-Hauses in Zakopane statt - das erste Haus, das im Zakopane-Stil erbaut wurde, entworfen von Stanislaw Witkiewicz für Zygmunt Gnatowski, einen urkrainischen Grundbesitzer. Fast genau ein Jahrhundert später, im Dezember 1993, wurde das Stanislaw Witkiewicz Museum des Zakopane-Stils im Koliba-Haus eröffnet. Es gibt die Möglichkeit, sowohl die Kunst der Region Podhale zum allerersten Mal umfassend darzustellen, als auch die polnische Kunst, in der dem Zakopane-Stil eine besondere Bedeutung zukommt, da er das erste theoretisch entwickelte und praktisch umgesetzte Konzept eines nationalen Stils ist.

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Der Zakopane-Stil war ein klarer und wesentlicher Teil von Stanislaw Witkiewicz (1851-195) Werk, entstanden aus seiner Faszination für das Tatra Gebirge und der Kultur der Bergbevölkerung, die "so mit den Bergen verschmolzen waren wie die Flechtenschicht mit dem Granit der Felsspitzen." Als er 1886 zum ersten Mal nach Zakopane kam, war er bereits ein anerkannter Maler und hatte als Kunstkritiker einen gewissen Ruhm erlangt. Er war bestens vertraut mit den damals geläufigen Theorien eines nationalen Stils in Polen, darunter der Idee der Popularkunst, die Volkskunst als die einzige Quelle eines authentischen polnischen Stils hielt, frei von allen fremden Einflüssen.

Das war Witkiewicz Ausgangspunkt, als er, fasziniert von der montanen Bauweise, den Möbeln und Dekorationen, deren ursprünglichen Charakter besonders betonte. Schon in seinen ersten Schriften, die sich mit der Tatra-Region befaßten, empfahl er die Verwendung von verschiedenen Motiven der örtlichen Volkskunst bei der Gestaltung von Häusern, Chalets und Eigenheimen in Zakopane, das damals schnell wuchs.

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1891 entwickelte Witkiewicz sein bisher nur regionales Kunstkonzept in eine Theorie eines Nationalstils weiter. Überzeugt von der Krise der bildenden Künste in Polen, die ihre nationale Identität unter kosmopolitischem Einfluß verloren hatten, sah er die Rettung in der Rückkehr zu den einheimischen Quellen, zu den proto-polnischen "Kunstelementen", von denen er glaubte, sie hätten in der Region Podhale seit "der Zeit der frühesten Bestimmung nationaler Elemente" überlebt. Architektur und Handwerk sollten aus diesen ältesten Mustern polnischer Kunst wiedergeboren werden und sich in der polnischen Gesellschaft in einer verfeinerten Form, angepaßt an "komplexere und verfeinerte Bedürfnisse", ausbreiten.

Witkiewicz ging viel weiter als die Theoretiker eines nationalen Volkskunst-Konzepts als er in den Jahren 1891-92 ein Sommerhaus für eine zugezogene Familie entwarf, das erste dieser Art in Polen, das die typische Struktur, Form und dekorativen Elemente der Region Podhale aufnahm. Das Koliba-Haus war eine Herausforderung an den eklektischen und weltb�ichen Villenstil; das Haus und seine Möblierung markierten eine Wiederbelebung des nationalen polnischen Stils in der Kunst.

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Das Unternehmen war etwas Besonderes, weil das Koliba-Haus von einem Maler, Schriftsteller und Kunstkritiker entworfen wurde, der keinerlei professionelle Ausbildung im Entwerfen von Architektur hatte, während der Erfolg - was Witkiewicz immer betonte - von der Mitarbeit der Zakopaner Bergbevölkerung abhing; für die Baustelle wurden die besten Handwerker ausgewählt, Zimmerleute, Schreiner, Holzschneider und Bildhauer: Maciej Gasienica Jozkowy, Jasiek Stachon, Staszek Bobak, Klimek Bachleda, Jozef Kasprus Stoch und Wojciech Brzega.

Den Prinzipien des Gesamtkunstwerks folgend, bei der Architektur und Einrichtung ein Ganzes bilden, wurde Koliba mit Möbeln, Stoffen, Öfen und allem Zubehör im Zakopane-Stil ausgestattet, um die "komplexen und feinen Bedürfnisse der wohlhabenden Klassen" zu befriedigen. Die wenigen Zeugnisse die überlebt haben - Fotografien, Korrespondenzen, Pressenotizen - geben uns eine ungefähre Vorstellung vom Inneren im Haus von Gnatowski, das sorgfältig im Zakopane-Stil ausgestattet war, der damals auch der Berg-, Tatra- oder Podhale-Stil genannt wurde. Die Bauernstube enthielt die reichhaltige völkerkundliche Sammlung des Hausbesitzers, die überdauerte, da sie dem Tatra Museum vermacht worden war. Andere Einrichtungsgegenstände von Koliba wurden nach dem Tod von Gnatowski verstreut oder zerstört.

Die Errichtung von Koliba machte den Zakopane-Stil berühmt und populär. Weitere Häuser, entworfen von Witkiewicz, wurden in Zakopane erbaut: die Villen Pepita, Oksza und Zofiowka, das Pod Jedlami Haus, das Rialto Altersheim, die Kapelle bei Jaszczurowka; außerhalb waren die wichtigsten Bauwerke die Eisenbahnstation von Sylgudyszki in Litauen und die aus Ziegel erbauten Herrschaftshäuser in Przyborow und Lancuchow. Um die Jahrhundertwende wurde der Zakopane-Stil offiziell zum polnischen Nationalstil erklärt; seine fast zwanzigjährige Geschichte wurde gekrönt von der Errichtung eines Steinbaus für das Tatra-Museum. Die Pläne dazu, von Witkiewicz in Lovrana in den Jahren 1913-14 entworfen, als er bereits todkrank war, waren seine letzte Arbeit in dem Stil, den er erschaffen hatte.

Koliba, das glücklicherweise trotz aller Höhen und Tiefen, ernsthafter Veränderungen und Zerstörungen überdauert hat, wurde einige Jahre sorgfältig restauriert. Das reichhaltige fotografische Material machte die perfekte Rekonstruktion vieler fehlender Einzelheiten des Gebäudes möglich.

Die Möblierung des Hausinneren, das jetzt ein Museum ist, korrespondiert mit den Funktionen der ursprünglichen Nutzung. Deshalb können wir in der Bauernstube Gnatowskis bedeutende ethnographische Sammlung sehen, außerdem das Wohnzimmer, ein Schlafzimmer und, in der oberen Etage, Gnatowskis Zimmer und daneben das Dienerzimmer. Einige Details wurden nach den Fotografien rekonstruiert (Öfen, Böden, Vorhänge), während andere nach der Originaleinrichtung des Pod Jedlami Hauses nachgebildet wurden (Gesimse).

Die meisten Möbel, Gerätschaften und Kleinobjekte, obwohl nicht Teil der Originaleinrichtung von Koliba, gehören zur gleichen Epoche und zum gleichen Stil; sie wurden von Stanislaw Witkiewicz, seinem engen Mitarbeiter Wojciech Brzega, sowie von Stanislaw Barabasz, seit 1900 Rektor der Holzschnitzerschule, die den Zakopane-Stil eingeführt und propagiert hatte, und von Franciszek Neuzil, dem ersten Rektor dieser Schule, der die ersten Möbelstücke mit Podhaler Ornamenten gestaltet hatte, wofür er von Witkiewicz heftig kritisiert worden war, entworfen.

Heute wissen wir, daß der Zakopane-Stil nicht die populärste Form polnischer Kunst wurde, wie Witkiewicz glaubte und hoffte. Der Grund dafür war einerseits Witkiewicz irreführendes theoretisches Konzept, denn die Kunst aus Podhale war kein Überbleibsel des proto-polnischen Stils und die Volkskunst war zu begrenzt um die Bedürfnisse einer neuen Kunst zu erfüllen und andererseits die Tatsache, daß seine Idee viel zu spät kam. Als neuen nationalen Stil schlug er einen eklektischen Stil vor zu einer Zeit, als die europäische Kunst anfing, von modernen Entwicklungen geprägt zu werden, die offen Historismus und Imitation ablehnten.

Dennoch beeinflußten Witkiewicz Ideen und Arbeit sehr stark ähnliche Entwicklungen in der polnischen Kunst und entpuppten sich auf lokaler Ebene als richtig. Er brachte der Volkskunst der Region von Podhale Ansehen und belebte diese künstlerische Tradition neu, indem er die weiteren Möglichkeiten und Entwicklungen einer regionalen Architektur herausstrich. Koliba war das erste Glied in dieser Kette der Tradition."

Diese sich vor allem an den kunsthistorischen Entwicklungen orientierende Darstellung von frau Jablonska enthält sehr wenige Angaben über Zygmunt Gnatowski. In ihrem bereits genannten Buch gibt Frau Jablonska einige weitere Einzelheiten preis - immerhin war das Koliba-Haus im Auftrag von Zygmunt Gnatowski gebaut worden. Er mußte also mit den Ideen von Stanislaw Witkiewicz bestens vertraut gewesen sein und hat ihm mit der Möglichkeit, ein Haus in seinem von ihm propagierten nationalen Stil zu errichten, wahrscheinlich den Erfolg des Zakopane-Stils gesichert. Zygmunt Gnatowskis völkerkundliche Sammlung weist darüber hinaus nicht nur auf Vermögen, sondern auch auf die vielseitigen Interessen und Bildung dieses Mannes hin.

Als unkrainischer Grundbesitzer verfügt Zygmunt Gnatowski offensichtlich über größeren Wohlstand. So konnte er sich ein Landhaus im Gebirge - eben das Koliba-Haus - leisten, das er im "Goralen-Stil" errichten ließ. Der Goralen-Stil in der Architektur ist vergleichbar mit dem "Oberbazrischen Stil". Das Wort "Gorale" bezeichnet im geographischen Sinn "oben" und wird besonders in den Karpaten verwendet . Es sollte also ein haus im Stil anderer Bergbauernhäuser sein, das aber alle Annehmlichkeiten enthalten sollte. Es sollte also in jedem Fall "authentisch" sein.

Witkiewicz hat die Möglichkeiten, die sich hier boten, offenbar sehr genau erkannt. Die Region Podhale erfreute sich damals bei den "wohlhabenderen Klassen", wie sich Witkiewicz ausdrückte, zunehmender Beliebtheit als Sommerfrische. Nach dem Erfolg, den das Koliba-Haus in diesen Kreisen hatte, konnte der Künstler Witkiewicz neben dem Koliba-Haus noch weitere Villen und andere Bauwerke realisieren.


Teresa Jablonska, Zbigniew Mozdzierz, "Koliba", Pierwszy Dom w Stylu Zakopianskim, Zakopane 1994. Leider war es uns nicht möglich, eine englische oder deutsche Version dieses Buches aus Zakopane zu erhalten. Eine Übersetzung ins Deutsche vornehmen zu lassen erschien trotz der besonderen Bedeutung des Koliba-Hauses zu umfassend.

Übersetzung von Beate Freitag und Dr. Herbert Winter. Eine ausführliche englische Darstellung der Geschichte des Hauses und der Kunst des Zakopane-Stils befindet sich im Anhang.