von "Die Gnatowskis. Die Geschichte einer masowischen Familie" auf Alfred von der Lehr
ISBN-Nr: 3-00-005311-5 jan4

Ein nicht unbedeutendes Mitglied der genannten Familie ist Jan Gnatowski gewesen. Er war Geistlicher und zugleich ein zu seiner Zeit sehr bekannter Schriftsteller.

Im Collegium Canisianum in Innsbruck, wo er u.a. studierte, findet sich sein Name heute noch als "Prälat Johann Ritter von Gnatowski". Sein literarisches Pseudonym lautete dagegen schlicht Jan Lada.

Jan Gnatowski wurde entweder am 10. oder am 20. Juli 1855 in Skazenówka in Padolien (Rußland) als Sohn einer Gutsbesitzer-Familie geboren. Er starb 1925 in Warschau. Er studierte in Odessa und auf der technischen Hochschule in Riga. Von 1877 bis 1880 studierte er an der Universität Jagielonow in Krakau, an der philosophischen Fakultät bei Prof. Tarnowski. Ab 1882 befindet er sich in Warschau, wird von der Polizei wegen seiner politischen Tätigkeit in Studentenkreisen überrascht und reist im Jahre 1884 nach Innsbruck, um dort sein Theologiestudium zu beenden.

Im Jahre 1887 erhält er die Priesterweihe. In den Jahren 1888-1890, vom Papst Leon XVIII als Nuntiat-Sekretär nominiert, war er in München; dort bereitete er sich auf den diplomatischen Dienst vor. Im Jahre 1890 siedelte er nach Lemberg über und war dort in der Kirche St. Antonius als Katechet und Vikar tätig. Er lehrte am 5. Gymnasium und ab 1904 am 4. Landgymnasium. Er wohnte später in Warschau und starb dort am 09. Oktober 1925. Am Ende seines Lebens erblindete er. Er besaß die Honorartitel Prälat, päpstlicher Kammerherr und Domherr zu Zytomir.

Dem kirchlichen Lebensweg widmet der Nachruf des Collegium Canisianum naturgemäß größeren Raum. Es finden sich eine ganze Reihe von Details, die das kirchliche Engagement Jan Gnatowskis ausführlich würdigen: "Da er sich zum geistlichen Stand berufen fühlte, persovierte er trotz des Gegenwillens seines Vaters seine theologischen Studien in Innsbruck in den Jahren 1884-1888.

Im Jahre 1887 erhielt er die hl. Priesterweihe und arbeitete 1888-90 an der Münchner Nuntiatur. Er wurde zum päpstlichen Kämmerer, später zum päpstlichen Hausprälaten ernannt. 1890 in die Lemberger Erzdiözese aufgenommen, war er anfänglich als Kooperator der St. Antoniuspfarre in Lember, später 14 Jahre hindurch als Mittelschulkatechet tätig.

Im Jahre 1905 trat er in den Ruhestand über und wohnte bis zu seinem seligen Ende in Warschau. Einige Jahre hindurch war er ein geschätzter Mitarbeiter der Lemberger Kirchenzeitung, hernach redigierte er den "Glauben" (Warschau) und die "Kath. Revue" bis zum Ausbruche des Weltkrieges.

Bis zum letzten Tage seines tätigen Lebens arbeitete er als Beichtvater, als Prediger - er war auch Rektor der Hl. Geistkirche in Warschau - und als Publizist, sogar nachdem er das Augenlicht verloren hatte, als er selber weder lesen noch schreiben konnte. Das Letztere hatte zur Folge, daß seine Aufsätze aus den letzten Jahren nicht ganz fehlerfrei sind. Auch war er lanjähriger Präses des Warschauer St. Vinzenzvereines. "Demnach hatte er sich gegen den Willen seines Vaters für die Theologie entschieden und danach eine ganze Reihe von höheren Ämtern in der katholischen Amtskirche bekleidet. Trotz dieser Würden zog er sich später nach Lemberg zurück, wo er als Priester und Lehrer wirkte.

Es wird nicht ganz klar, ob diese Entscheidung einem persönlichen Bedürfnis entsprach oder Folge seiner znehmenden Sehschwäche war. Unklar bleibt auch sein politisches Engagement, von dem wir nicht wissen ob es Folge oder Ursprung seiner Hinwendung zur Theologie war.

Bemerkenswert ist auch sein außerordentliches Engagement für die Literatur. Im Kulturkreis von Lemberg spielte er eine große Rolle, unterhielt einen literarischen Salon, wo sich Vertreter von Literatur und Theaterwelt trafen. Dank seiner Reisen nach Italien und in die Türkei, sowie seinem längeren Verbleiben in Österreich und Bayern war er als Pfarrer-Weltmann von hoher Bildung bekannt.

Aufgrund seiner vielschichtigen hervorragenden Tätigkeit schlug man ihn als Kandidat für Geschichte der Universität Lemberg vor. Seine Augenkrankheit hat dieses aber leider unmöglich gemacht. Daher widmete er sich mit all seinen Kräften der Literatur und der Schriftstellerei, vor allem ab 1890.

Am Anfang stand Gnatowski unter dem starken Eindruck von Prof. St. Tarnowski. Ihm widmete er sein erstes Werk "Realismus in der neuen Literatur". Seine zweite Arbeit lautete: "Meine Beatrice. Eine Seite aus dem Leben des Zygmunt Krasinski". In der Zeit seines Warschauer Aufenthaltes 1882-84 war er Mitarbeiter des Verlages "Wiek" und "Ateneum" (angestellt als Abteilungsleiter nach dem Fortgang von Henryk Sienkiewicz). Gnatowski war ein Gegner von neuen Strömungen in der Literatur. Er war auch für verschiedene Zeitschriften in Warschau tätig und bekämpfte mit kritischem Realismus die Bewertung über Konopnicka.

Charakteristisch sind seine Erinnerungen "Briefe aus Konstantinopel", die "Briefe von der Adria", und "Zwei Passionen. Vorderthiersee und Oberammergau". Über seine Arbeit in der Münchner Nuntiatur berichten die Fragment gebliebenen Erinnerungen "Über Vergagenheit und Menschen".

Nach dem Eintreffen in Lemberg, verlegte Gnatowski seine Tätigkeit auf die Fächer Novelistik und Romane unter dem Pseudonym "Jan Lada". Hier zeigte er sich als ergiebiger Poet, der sich aber sehr weit von seiner früheren Originalität entfernt hatte. Zum Beispiel in: "Volks-Märtyrologium" vom Jahre 1863, "Erreicht" (1916), "Auf den Tod" (1916). Die Religionsverfolgung unter Preußen stellte er im Roman "Pfarrer aus Priesslau" vor und die russische Annexion im Roman "Letzte Messe". Darüber hinaus interssierten ihn historische Themen aus dem XVII. Jahrhundert. In dem Roman "Das verfluchte Schloß" (1925) tendiert Gnatowski in Richtung des Romans von Sienkiewicz: "Mit Feuer un Schwert". Er übernahm auch den Stil anderer Schriftsteller, wie z.B. den von W.T. Lozincki für seinen Roman "Magus", der die letzten Lebensjahre Sygmunt III. thematisierte. So wie in diesen berührte Gnatowski spiritistische und phantastische Themen, zum Beispiel in der Novelle "Luzyfer" und im Roman "Der Antichrist" (1920). Er schrieb auch Märchen - "Oman", eine weitere bezaubernde Geschichte über das "Rittergespenst", "Wassernymphe" und "Student aus Padwa". Im Jahre 1913 schrieb er das Drama "Wie Blätter aus den Bäumen hinunterstürzen". Der erste Akt dieses Stückes wurde im Theater "Bühne Pastell" zu Krakau und einige Male im Lemberger Theater aufgeführt und erschien auch in gedruckter Ausgabe.

Respekt wurde Jan Gnatowski jedoch nicht nur von literarisch-künstlerischer Seite entgegengebracht, sondern auch von kirchlicher. So heißt es anerkennend in der "Korrespondenz": "Bewundernswert ist sein dichterisches Schaffen, dem die polnische Literatur eine lange Reihe größerer und kleinerer Romane verdankt. Sie sind sehr interessant, voll des edelsten Idealismus und von tiefer Empfindung. "Weiße und schwarze Geister", "Aus schweren Tagen", "Die letzte Messe", "Magus", "Um die Seele", "Antichrist", in welch letzterem er mit Benson rivalisiert.

Dabei anerkannte die katholische Kirche seine literarische Tätigkeit ausdrücklich, wie besonders aus der Grabrede für den Verstorbenen hervorgeht: "Aus der Grabrede des Kanonikus Prof. Dr. Szlagowski berichten die "Nachrichten der Erzdiözese Warschau": Der Redner vergleicht den Verstorbenen mit dem hl. Paulus. Er beginnt: "Non erubescam Evangelium" Rom. 1,16. - "Diese Worte des hl. Paulus sind in goldenen Buchstaben auf dem Sarge dieses heimgegangenen Priesters geschrieben. Denn sie bilden den Inhalt seiner Tätigkeit, sie kristallisieren seine Verdienste, sie waren die leuchtende Fackel für alle seine Schritte auf seinen Lebenspfaden." Der Redner endete: "Und du selber warst eine Leuchte unserem Augen, ein Trost für unser Leben; du warst uns eine Leuchte, daß wir neben dir sicher schreiten konnten auf unserem Lebenswege. Ein Vorbild warst du uns der schönsten Priestertugend. Von dir lernten wir Anhänglichkeit an den heiligen Stuhl, und zur reinen, orthodoxen Lehre der hl. Römischen Kirche. Ein Feldherr warst du dem katholischen Gedanken in unserem Volk und hast ihm die höchste Stelle erkämpft, indem du die katholische Publizistik auf eine bei uns unbekannte Höhe brachtest."

Die "Korrespondenz" nennt eine weitere, die Arbeit des Verstorbenen deutlich würdigende Quelle: "Dazu die "Lemberger Kirchenzeitung": "Es ist vielleicht noch nicht die Zeit, über den Hintergrund zu schreiben, auf dem Prälat v. Gnatowski arbeitete; aber erst dann werden wir seine Bedeutung für Warschau und Kongreßpolen verstehen, erst dann werden wir begreifen, warum er für eine Legion reichte."

Auch wenn wir diesem hohen Anspruch, zu "begreifen, warum er für eine Legion reichte", hier nicht gerecht werden konnten, so war es doch angebracht, die Erinnerung an diesen verdienten Kirchenmann und ausgewiesenen Literaten wiederzubeleben.